Kind haut andere Kinder: Warum das passiert und was du im Moment sagen kannst
Lesezeit ca. 7 Minuten · bindungs- und bedürfnisorientiert
Beim Abholen sagt die Erzieherin leise: „Heute war es wieder schwierig, dein Kind hat gehauen." Oder du sitzt am Sandkasten, siehst die Schaufel fliegen und bist zwei Sekunden zu spät. Das andere Kind weint, dein Kind steht daneben, und du spürst die Blicke.
Warum Kinder hauen
Bei kleinen Kindern liegen Impuls und Handlung noch sehr dicht beieinander. Zwischen „Ich will die Schaufel" und der Hand, die zuschlägt, ist bei einem Zweijährigen kaum eine Pause. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beschreibt auf kindergesundheit-info.de, dass die Hirnregionen für Selbst- und Impulskontrolle in diesem Alter noch nicht ausgereift sind. Dein Kind will meistens nicht wehtun, es hat im entscheidenden Moment nur nichts anderes zur Hand.
Der zweite Punkt ist die Sprache. Wer noch nicht sagen kann „Das ist meins" oder „Geh weg, ich brauche Platz", greift zu dem, was schneller geht. Die BZgA schreibt, typische Trotzreaktionen träten gehäuft ab der Mitte des zweiten Lebensjahres auf und ihre Heftigkeit nehme mit Beginn des dritten Lebensjahres und wachsenden sprachlichen Fähigkeiten oft schon wieder ab. Der kanadische Entwicklungsforscher Richard Tremblay hat in seiner Arbeit im Infant Mental Health Journal (2004) einen Höhepunkt körperlicher Aggression etwa zwischen dem 24. und dem 42. Lebensmonat beschrieben, also lange vor der Schulzeit.
In der Krippenpädagogik wird Hauen oft als Ausdrucksverhalten gedeutet. Dorothee Gutknecht schreibt in Fachbeiträgen des nifbe, Beißen sei nicht per se aggressives Verhalten, sondern könne auch Welterkundung oder Stresskompensation sein. Das ist eine fachliche Deutung, keine gesicherte Tatsache. Als Blickwinkel ist sie trotzdem nützlich, weil sie die Frage verschiebt: Was braucht mein Kind hier, das es gerade nicht bekommt?
Kommt das Hauen vor allem in der Kita vor, spielt die Gruppe mit: viele Kinder auf wenig Fläche, Lärm, Warten, ständige Übergänge. Dass es dort öfter passiert als bei dir zu Hause, sagt nichts über dein Kind und nichts über dich.
Fünf Schritte für den Moment und danach
- Geh körperlich dazwischen, bevor du etwas erklärst. Halte die Hand deines Kindes, geh in die Hocke, komm auf Augenhöhe. Ein Satz reicht: „Stopp. Ich lasse nicht zu, dass du haust." Ruhig und tief gesprochen, nicht laut.
- Kümmere dich um das getroffene Kind und nimm dein Kind mit. „Das hat weh getan. Komm, wir schauen zusammen, wie es Emil geht." Dein Kind erlebt so die Wirkung seines Handelns, ohne vor der Gruppe bloßgestellt zu werden. Dreht es sich weg, machst du es eben vor.
- Benenne Gefühl und Grenze in einem Atemzug. „Du wolltest die Schaufel, und du bist wütend. Hauen tut weh. Das mache ich nicht mit." Das Gefühl darf da sein, die Handlung nicht. Beides zusammen zu sagen ist entscheidend, weil dein Kind sonst nur hört, dass mit ihm etwas nicht stimmt.
- Zeig eine Alternative, die sofort verfügbar ist. „Wenn du so wütend bist, kannst du hier auf den Boden stampfen, so fest du willst." Oder du leihst deinem Kind die Worte, die ihm fehlen: „Sag: ‚Meine Schaufel!' Ich helfe dir dabei." Bei Dreijährigen wirkt Vorsprechen oft besser als jede Erklärung. Fünfjährige kannst du schon fragen: „Was hättest du stattdessen machen können?"
- Sorge für Abstand, wenn es nicht abkühlt. „Wir gehen kurz zur Bank, bis es dir besser geht. Ich bleibe bei dir." Das ist keine Strafe, sondern eine Pause zu zweit. Die BZgA rät bei Trotzanfällen ausdrücklich dazu, selbst ruhig zu bleiben und beim Kind zu bleiben.
Später, wenn alle wieder ruhig sind, kannst du es aufgreifen: „Vorhin im Sandkasten war es schwierig. Was war da?" Kommt keine Antwort, erzählst du es in zwei Sätzen selbst. Kinder unter drei brauchen das meist gar nicht, für sie zählt vor allem, dass die Beziehung wieder heil ist. Und daneben lohnt ein nüchterner Blick auf das Muster: Hauen häuft sich oft vor dem Mittagessen, nach dem Abholen oder wenn zu viele Menschen im Raum sind. Zwei Wochen mitzuschreiben bringt meist weiter als jedes Gespräch mit dem Kind. Für die Kita ist ein guter Einstieg: „Ich möchte verstehen, in welchen Situationen es auftritt. Können wir beide zwei Wochen notieren und dann vergleichen?"
Was du besser vermeidest
Zurückhauen, der Klaps auf die Finger, das feste Zupacken „damit es merkt, wie sich das anfühlt". Abgesehen davon, dass du damit genau das tust, was du gerade verbietest, ist die Rechtslage eindeutig. § 1631 Absatz 2 BGB lautet: „Das Kind hat ein Recht auf Pflege und Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen."
Etiketten sind das Nächste. „Du bist böse", „Du bist ein Hauer", „Mit dir kann man nirgends hingehen". Kinder in diesem Alter unterscheiden kaum zwischen dem, was sie getan haben, und dem, was sie sind. Dazu gehört auch die laute Ansprache am Spielplatzrand.
Erzwungene Entschuldigungen bringen meist ein genervtes Wort, das keines der beiden Kinder ernst nimmt. Wiedergutmachung ist sinnvoller: das Kühlpad holen, die Schaufel zurückbringen, kurz dabeibleiben.
Und dann das Ausfragen im Affekt. „Warum hast du das gemacht?" kann ein Zweijähriger nicht beantworten, und lange Erklärungen erreichen dein Kind im Ausnahmezustand ohnehin nicht. Wegschauen ist aber auch keine Alternative. „Das regeln die schon unter sich" gilt beim Streit ums Spielzeug, nicht beim Hauen. In den nifbe-Fachtexten wird betont, dass Fachkräfte bei gewaltvollem Handeln immer eingreifen.
Wann du genauer hinschauen solltest
Die BZgA empfiehlt, sich Rat zu holen, wenn Verhaltensweisen häufig und dauerhaft auftreten, in der Kita zu Problemen führen und du dir anhaltend Sorgen machst. Ähnlich formuliert es der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie: Zeigt ein Kind über mehrere Monate wiederholt aggressive Verhaltensweisen, hält sich nicht an Regeln und befolgt keine Anweisungen, kann das auf eine Störung des Sozialverhaltens hindeuten. Das MSD Manual nennt als Anhaltspunkt Wutanfälle, die länger als 15 Minuten dauern oder mehrmals täglich auftreten.
Aufmerksam werden solltest du außerdem, wenn dein Kind zielgerichtet verletzt statt im Affekt zuschlägt, wenn es in allen Umgebungen passiert oder wenn dein Kind selbst darunter leidet. Auch eine deutlich verzögerte Sprachentwicklung ist ein Grund, das anzusprechen. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte weist darauf hin, dass aggressives Verhalten im Vorschulalter ein Vorbote von ADHS sein kann, und rät, organische Ursachen abklären zu lassen.
Die erste Adresse ist deine Kinderarztpraxis, gut auch bei der nächsten U-Untersuchung. Kostenfrei und ohne Diagnose kommst du in jede Erziehungsberatungsstelle. Zur Beruhigung: Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie zum Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter (AWMF 028-041) bindet eine Diagnose an ein durchgängiges Muster über längere Zeit, nicht an einzelne Vorfälle im Sandkasten.
Häufige Fragen
Mein Kind haut in der Kita, zu Hause nie. Was heißt das?
Meist heißt es, dass die Kita der anstrengendere Ort ist: mehr Reize, weniger Rückzug, mehr Warten. Frag nach der Tageszeit und der konkreten Situation. Häufig lässt sich am Ablauf mehr ändern als am Kind.
Soll ich mein Kind zwingen, sich zu entschuldigen?
Besser nicht erzwingen. Bei Zweijährigen reicht das gemeinsame Hingehen: „Wir schauen zusammen, wie es ihm geht." Bei Fünfjährigen kannst du fragen: „Was brauchst du, damit du zu ihm gehen kannst?"
Hilft eine Auszeit oder die stille Treppe?
Eine Pause hilft oft, allein gelassen zu werden dagegen selten. Die BZgA rät, beim Kind zu bleiben. Der Unterschied liegt im Satz: „Du bleibst hier sitzen, bis du dich beruhigt hast" wirkt anders als „Wir gehen kurz raus, ich bleibe bei dir."
Wann hört das Hauen auf?
Das lässt sich nicht seriös vorhersagen. Nach Darstellung der BZgA nimmt die Heftigkeit solcher Reaktionen mit wachsenden sprachlichen Fähigkeiten meist ab. Bei manchen Kindern zieht sich die Phase länger, ohne dass etwas nicht stimmt.
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Dieser Text ersetzt keine medizinische, psychologische oder therapeutische Beratung. Wenn du dir Sorgen um dein Kind machst, wende dich an deine Kinderarztpraxis oder eine Erziehungsberatungsstelle in deiner Nähe.